Ich möchte euch von unseren letzten Tagen bzw. Stunden mit unseren Engeln berichten.
Am 3.3.2010…. irgendetwas drängt mich noch vor dem FA Termin, die Herztöne unserer Beiden mit dem Angelsound zu hören. Wir sind bei 14+0, ich lausche und finde sie schnell…aber sie sind so leise und langsam, stolpern und hören schließlich auf. Einfach so. Ich weiß, sie sind eingeschlafen. Dieses Gefühl, ich kann es nicht beschreiben….völlige Stille. Ich lege meine Hände auf meinen Bauch und decke sie zu ….schlaft gut meine Engel.
Später beim FA die Bestätigung…keine Herzaktivität. Der Größe nach, erst vor kurzem…ich hab es doch gewusst, will ich schreien, ich war dabei, sie haben mir Bescheid gegeben, haben Lebewohl geflüstert…aber meine Lippen bewegen sich nicht, kein Laut aus meinem Mund…wieder nur völlige Stille. Ich schaue auf den Monitor und präge mir die Beiden ein….wie zusammengekuschelt sehen sie aus.
Der Termin zur Einleitung ist am Freitag, 2 Tage später.
Donnerstag, meine Mutter kommt und es kommt zum Eklat. Was hab ich mir es anders gewünscht….ein paar stille Gedanken, ein paar gemeinsame Tränen…stattdessen nur Streit bis in die Nacht und am nächsten Morgen geht’s weiter.
Um halb 10 Uhr am Freitag verlassen mein Mann und ich fluchtartig unser eigenes Heim um im KH wieder etwas zu uns zu kommen, uns auf unsere Babys zu besinnen und uns auf die Geburt und den Abschied vorzubereiten. Aber es kommt alles anders.
Nach der Anmeldung, das Aufnahmegespräch mit einer jungen Assistenzärztin. Ich kenne sie schon, das letzte Mal hatte sie auch Dienst, sympathisch und kompetent ist etwas anderes.
Sie klärt mich auf, es könne bis zu einer Woche dauern, eine Ausschabung hinterher wäre unumgänglich usw. Ich will keine pauschale Ausschabung, ich kenne die Risiken die es nach einer FG gibt und auch die bei einer AS…es sind die gleichen. Die Ärztin meint, Komplikationen seien selten…ich muss lachen…was ist wohl seltener, die Diagnose siamesische Zwillinge oder Komplikationen bei der AS? Ich sage ihr, dass ich erst dann zustimmen werde, wenn ich meine, es wäre tatsächlich nötig. Sie ist zickig, will dass ich JETZT unterschreibe. Nachdem sie dann noch anfängt über Leichengifte zu erzählen, hake ich das Gespräch bereits völlig ab. Sinnlos!
Danach das Gespräch mit dem Narkosearzt. Obwohl ich noch nicht von der Notwendigkeit einer AS ausgehe, besprechen wir alles vorher. Warum auch nicht, ich bin zwar eigenwillig aber nicht lebensmüde.
Um 13 Uhr sind wir auf der Station. Es ist die Wöchnerinnenstation…na, herzlichen Glückwunsch, denke ich noch, aber wenigstens bekomme ich ein Zimmer am Ende des Ganges. Die Schwester sagt mir auch, dass wir hier alleine bleiben. Na, wenigstens etwas!
Dann passiert erstmal gar nichts…..es ist Übergabezeit. Irgendwie hab ich mir gedacht, dass es noch nicht alles sein kann, irgendetwas kommt noch. Erstmal kommt meine Freundin. Wir reden und lachen und ich erzähl ihr von meinem Bedenken. Sie meint, schnapp dir eine Hebamme, die wird das ganze lockerer sehen. Auch mein FA und meine Hebamme haben mir dazu geraten, denn es war klar, dass die Ärzte nicht vom „Protokoll“ abweichen wollen, ergo eine AS für sie selbstverständlich ist. Ich bin wieder beruhigter….alles wird anders, wenn erstmal die Hebamme kommt.
Es ist 14 Uhr ich bekomme 2 Tabletten, die Einleitung beginnt. Ein paar Minuten später öffnet sich die Tür und ein 7-köpfiges Team an Ärzten und Krankenschwestern betritt das Zimmer. Vorneweg die Oberärztin, die mich in den letzten 4 Wochen so toll betreut hat. Was für eine groteske Situation! Natürlich ging es um meine fehlende Einwilligung zur AS….ich habe damit gerechnet. Meine Einwände umschifft sie, ich vertröste sie auf später…ich werde es mir überlegen. Insgeheim hoffe ich auf die Hebamme. Sie rauschen wieder ab. Ich merke bereits ein leichtes Ziehen im Unterleib.
14.30 Uhr ich habe das Gefühl ich laufe aus, gehe auf die Toilette….ich blute! So schnell? Den Ablauf hat uns niemand erklärt. Ich mache mich auf dem Weg und finde den pickeligen Arzt, der bei der „Horde“ bei war und auf seinen Lippen rumgekaut hat. Er kann nichts mit mir anfangen…aber die Schwester kommt. Eine sehr liebe Frau. Sie schaut sich das Blut an, ab jetzt muss ich mit einer Schüssel auf die Toilette. Was für eine Vorstellung! Ich frage sie, wann die Hebamme kommt und wie es weitergeht. Sie schaut mich ganz verdutzt an. Es wird keine Hebamme kommen! Sie würde bei mir bleiben im Zimmer bis die Kinder auf der Welt waren. Ich breche zusammen. Nie im Leben ist es mir auch nur in den Sinn gekommen, dass keine Hebamme dabei sein könnte, dass ich mit rein medizinischem Personal meine Babys auf die Welt bringen müsste. Das Gefühl als sie sagte, sie werde die Kinder abnabeln und mich dach zum OP bringen, ich kann es kaum beschreiben. Ich zweifele nicht an ihrer Kompetenz…um Gottes Willen, aber ich spürte förmlich um was es hier ging…..keiner hier wollte mich entbinden, eine Geburt begleiten, sondern es ging hier um einen Abbruch…rein medizinisch und klinisch betrachtet…kalt und nüchtern...Ausschussware! Man könne auch die Küchenhilfe abstellen….hier kann nichts mehr schief gehen. Ich breche in Tränen aus….will nicht mehr. Bin ich diesen Weg gegangen um meine Kinder so zu verabschieden? Ich will weg! Die Schwester kann mich nicht mehr beruhigen, ich höre ihre Worte nicht mehr. Sie geht. Ich schaue meinen Mann an, voller Verzweiflung und sehe seine Angst, ich könnte einfach abhauen, er ruft unsere Hebamme an…sie wird kommen. Ich beschließe so lange abzuwarten. Ich blute immer doller.
16.30 Uhr…die Tür geht auf. Es ist die Stationsärztin, ich weine immer noch, bin in Gedanken schon zu Hause. Sie versucht mit mir zu sprechen, ich kann nichts mehr sagen….mein Mann spricht mit ihr. Ich bekomme ein paar Wortfetzen mit, obwohl sie direkt neben mir sitzen, ist es als wenn ich nicht dabei bin, als wenn ich weit weg bin. Ausschabung…Organisation…Blutkonserven. Mein Mann sagt ihr, wir wollen Zeit zum Abschiednehmen. Zähneknirschend spricht sie uns 15-20 Minuten zu, falls die OP kein Notfall würde. Ich werde etwas ruhiger…ein Fortschritt! Lasst uns doch etwas Würde! Eine Hebamme würde erst bei Geburten ab der 16. SSW dabei sein….welch ein Hohn…ich war jetzt in der 15. SSW. Wieder geht die Tür auf, meine Hebamme ist da! Wort –und grußlos verlässt die Ärztin das Zimmer. Ich spüre sofort, jetzt wird alles gut! Ich weine immer noch und erzähle ihr, was ich erfahren habe. Sie ist genauso geschockt. Hätte ebenfalls nicht erwartet keine Hebamme vorzufinden. Wir reden und reden und dann geht sie los um mit der Ärztin und der Schwester zu sprechen. Ich bin so dankbar, sie ist nicht erwünscht im KH….die Kälte und Nichtbeachtung konnte man deutlich spüren. Ich weiß nicht, was sie besprochen hat, aber anscheinend hat sie erreicht, dass sie zumindest geduldet wird. Sie bleibt!
18 Uhr…die nächste Dosis der Einleitung folgt. Die Stimmung hat sich verändert. Ich bin ganz ruhig, entspannt. Ich weiß, dass es nicht lange dauern wird…unsere Engel werden heute noch kommen. Wir gehen im Zimmer auf und ab, reden, können sogar wieder lachen.
20 Minuten später werden die Wehen schon heftiger, plötzlich rinnt es mir die Beine entlang. Auf der Toilette riesige Blutkoagel und ganz viele, meine Hebamme holt die Schwester, sie soll mal schauen. Meine Babys sind nicht dabei…Gott sei Dank! Ich will sie nicht auf der Toilette gebären. Es wird wieder weniger, ich ziehe mich um. Wir rufen unsere Kinder an, alles in Ordnung zuhause. Ich bekomme Kopfschmerzen, wahrscheinlich vom vielen Weinen.
Die Ärztin untersucht mich, der Muttermund ist bereits 3 cm geöffnet.
Gegen 20 Uhr …. Die Wehen werden stärker, die Schwester kommt und bleibt ebenfalls. Ich bin mittlerweile im Bett, kann nicht mehr laufen oder stehen. Mein Mann sitzt neben mir, ich sitze aufrecht im Bett, die Beine angewinkelt und versuche bereits mit zu pressen. Ein Schmerzmittel habe ich abgelehnt, mir erscheinen die Schmerzen noch nicht stark genug. Ich fühle mich total versperrt, es ist komisch zu pressen, wenn man das Gefühl hat „drauf“ zu sitzen. Wir bauen einen Turm auf dem Bett indem wir nach eine Schüssel draufstellen…eine wackelige Angelegenheit, aber so geht es besser.
Um 21.45 Uhr sind unsere Zwillinge geboren…ganz still. Alles ist still, wir sind still…es ist als wenn die Welt den Atem anhält. Eine halbe Stunde warten wir noch ab, ob die Plazenta rauskommt, dann ist klar, eine AS muss gemacht werden. Die Ärztin nimmt unsere Kinder mit und macht Fotos auf dem Stationsflur, danach bekommen wir sie wieder…Die Ärztin und die Schwester verlassen das Zimmer, meine Hebamme begrüßt unsere beiden Mädchen mit uns zusammen, dann lässt auch sie uns allein. Ein OP ist grad nicht frei, so haben wir Zeit unsere Engel zu begrüßen, zu bestaunen und zu beweinen.
Irgendwann komm ich in den OP, ich weiß nicht mehr wann es war….ich habe keine Angst, ich weiß, dass mein Mann auf unsere Beiden aufpasst. Wieder zurück auf Station, das 1. was ich sehe, ist wie mein Mann die Beiden immer noch auf dem Schoß hält…es ist ein schönes Gefühl….sie haben auf mich gewartet meine Familie! Ich liege noch lange Zeit wach, bin zu aufgedreht um zu schlafen, um kurz vor 4 Uhr morgens übergebe ich der Nachtschwester unsere Engel….schlaft gut, meine Süßen.
Am nächsten Morgen um halb 10 Uhr sind wir bereits wieder zuhause. Die Tür geht auf und da stehen meine 3 lieben Erdenkinder, schauen mich an und weinen. Eine liebe Familie, ein warmes Zuhause…aber es wird immer ein Stück fehlen.
Was danach geschah, schaff ich nicht aufzuschreiben…noch nicht. Wir werden es wieder versuchen…bald…ein letztes Mal.
